Dienstag, 20. Mai 2008

Montag, der 19. Mai 2008

Seit nunmehr 8 Monaten habe ich die wunderbare Möglichkeit euch an meinem Leben hier in Südamerika teilhaben zu lassen. Ich habe die Hoffnung aufgegeben dass so etwas wie Alltag aufkommen wird. Irgendwie gibt es dann doch jeden Tag unerwartete Dinge die mir ein Lächeln auf die Lippen zaubern oder mich verzweifeln lassen.

In diesem Sinne:
Die letzten 2 Wochen gerafft, zensiert und chronologisch nicht korrekt ;)

Estafania (italienisches Mädel das hier für eine Zeit ebenfalls arbeitet), begeleitete mich mit nach Tingua um meine Kinder dort kennen zu lernen. Wir haben also die Jüngeren beschäftigt, Kokosnüsse gegessen und mit den Älteren aus dem Haus der Erstaufnahme Volleyball gespielt. So und nicht anders sollte ein Zivildienst aussehen,…
Beim Madala malen,... (vorne im Bild einer meiner beiden Authisten)
Nellson und sein Mandala,...
Kokosnuss,...
Ende der Woche hatte dann Alexandre, einer der Pai-Social in Casa Angelo Geburtstag, den er mit den Kindern feierte. Ich habe dann auch noch schnell einen Kuchen gebacken und bin ebenfalls nach Angelo.

In Casa Angelo war auch wieder viel Los.
So ist Carlos Henrique zu seiner Oma gezogen (seine Mutter schwört gerade in einer unserer Einrichtungen den Drogen ab, der Vater ist über alle Berge). Dann ist leider ein weiteres Kind gegangen. William sollte Alterbedingt in ein anderes Haus von uns wechseln, und ist wohl hauptsächlich deswegen abgehauen. Wir befürchten das er zu seinem Vater zurück ist (der im Drogenhandel involviert ist), und ich könnte echt verzweifeln das man da nur so ohnmächtig zuschauen kann. Manchmal ist es gut dass man nicht so viel Zeit hat sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

Wir haben allerdings ein Geschwisterpaar neu dazubekommen (Eltern beide im Gefängnis, und sie wurden wohl lange Zeit vom Freund der Mutter missbraucht worauf hin die Oma sie zu uns geschickt hat). 8 und 10 Jahre, unglaublich laut und anhänglich, ich denke das es sehr interessant wird mit den Beiden zu arbeiten.
Alexandre und die Jungs in Vorfreude,... (links im Gefleckten T-Shirt ist William zu sehen)

Letzte Woche war ich ehrlich gesagt überfordert als mich Juan bei einem Streit mit der Faust voll auf die Nase geschlagen hat. Ich kenne ihn jetzt seit einem halben Jahr, aber das hatte er sich noch nie gewagt. Habe ihn dann ganz gut zur Schnecke gemacht, aber ob das die richtige Methode war ist fraglich. Er fühlt sich wahnsinnig schnell Angegriffen, selbst wenn gar nichts ist, weil er Krankheitsbedingt (und wohl auch durch Medikamente) nicht alles mitbekommt was ihn sehr unsicher macht. Die Unsicherheit wird dann durch Aggressivität kompensiert und ich habe noch nicht herausgefunden wie ich dem Begegnen soll. Habe ihn schon oft ruhig gekriegt, aber er ist da echt unberechenbar.

Letzten Montag hatte ich dann die Möglichkeit eine Gruppe „Casa do Menor`s“ nach Guaratinguetà (Saõ Paulo) zu Begleiten. Dort liegt die Zentrale von „Fazenda da Esperança“, eine Einrichtung (gegründet von einem dt. Pfarrer) die durch Arbeit und Spiritualität drogenabhängigen Menschen einen Entzug ermöglicht. Die Einrichtung ist mittlerweile auf der ganzen Welt präsent aber in Brasilien am Größten. In der wunderschön gelegenen Zentrale (eher ein kleines Dorf) gab es ein riesiges Fest, da dort vor einem Jahr der Papst zu Besuch war. So 2000 – 3000 Menschen waren dann versammelt und es war ziemlich beeindruckend, was solche Projekte alles bewirken können.
Das Innere der Kapelle, die extra fuer den Papst errichtet wurde,...

Ratzi mit Kindern,...
Gottesdienst,...
Meine Casa do Menor-Gruppe,...

Anschließende ging es dann noch zu Brasiliens bedeutendsten Wallfahrtsort:

„Nossa Senhora Aparecida“

An diesem Ort hatten Fischer eines Tages eine verschollene Marienfigur im Netz gehabt und anschließend wohl diverse Wunder bewirkt. Dort war letztes Jahr auch der Papst und in der Nähe einer kleinen alten Kapelle wurde eine gigantisch, monströse Kirche errichtet. Tausende von Parkplätzen, eine eigene Shopingmall, u.s.w.
Sehr beeindruckend aber meiner Meinung nicht wirklich schön.

Dezent,...

Letzten Freitag hatte ich dann wieder ein echtes Glückserlebnis.
Nach dem wir in Casa Angelo einen Film geschaut hatten und ich den Jungs gute Nacht sagen wollte, fragten sie mich ob ich bei ihnen im Zimmer schlafen könnte, da sie „Medo“ (Angst) hätten. Den Wunsch erfüllte ich, und ich habe mich dann noch 1 und Halb Stunden mit Leonardo unterhalten, dem ich an diesem Tag anlässlich seines Geburtstages (13 Jahre) Kuchen und Pizza gemacht hatte.
Wir haben von Deutschland, Brasilien, seinen Zukunftswünschen und den Tod seiner Eltern und Schwester über alles Mögliche geredet und in diesem Moment hätte ich nirgendwo anders auf der Welt sein wollen. Fragen wie zum Beispiel „Wenn ich mich mit dem Fernglas an den Strand stelle! Kann ich dann Deine Heimat sehen?“, brachten mich die ganze Zeit zum schmunzeln und irgendwie habe ich auch realisiert das wir uns die ganze Zeit auf Portugiesisch unterhalten konnten.

Wir schließen deshalb gekonnt mit „Boa noite!“,

[aber das konnte ich auch schon bevor ich hier her kam ;) ],

der Benjamin.
Juan,...

Moritz Familie, die hier zu Besuch war,...
Einer meiner Neuen in Casa Angelo + meinem Schoko-Bananen-Kuchen,...
Pizza,...
Links im Bild, Leonardo,...
Beim Film wurde es sich schon mal gemuetlich gemacht,...

Romario und Liuz-Claudio (Geschwister) aus Casa Angelo,...

Sonntag, 4. Mai 2008

Sonntag, der 4. Mai 2008

Lukas aus Casa Angelo dessen Lieblingsbeschaeftigung es ist mich zu provozieren =) ,...

Hallo ihr Lieben:

Eine schwierige und schöne Woche geht dem Ende zu.

Montag wurde ein sehr ruhiger Tag in „Casa Angelo“, was mir in Erinnerung geblieben ist, war die letzte halbe Stunde in der ich mich zusammen mit Luiz-Enrique beim „Indiaka“ spielen auspowerte. Ich komme später darauf zurück.

Am nächsten Tag ging es nach „Tingua“. Nachdem wir im Schwimmbad waren, bin ich wie gewohnt mit den Kindern die da waren, auf dem riesigen Gelände spazieren gegangen.

Von Links nach Rechts (Marcello, Juan, Leo, Greison),...

Das blaue Plastikrohr ist uberigens ein Pferd,...


Eigentlich wollten wir nach einiger Zeit umkehren aber Juan wollte noch Mandarinen pflücken, die ein bisschen entfernt wachsen. Auf dem Weg dorthin ist Juan dann, 2 Meter vor mir, ohne Vorzeichen wie ein Stein zur Seite umgefallen. Zuerst dachte ich dass ihn eine Schlange gebissen hat, aber dann fing er an zu zittern und zu verkrampfen, was ich in „Casa Angelo“ ja schon ein paar Mal mitbekommen habe. Er hatte also ca. 1,5 Kilometer entfernt von den Häusern einen Epilepsieanfall. Ich sicherte ihn dann, damit er nicht die Zunge verschluckt oder sich selbst verletzt. Als es ein bisschen abgeklungen war schaute ich mich um. Leo und Greison (die beiden Autisten), Guivanni (ebenfall nach einem Trauma stark Geistig beeinträchtigt) und Marcello (der ja wie schon oft beschrieben immer schwer ruhig zu halten ist.) standen verloren in der Gegend rum. Erste Versuch sie Hilfe holen zu schicken waren natürlich zwecklos. Handyempfang hat man dort auch nicht. Irgendwie habe ich dann Guivanni dazu gebracht meinen Rucksack und Leo, der nicht alleine läuft, an die Hand zu nehmen. Juan habe ich dann vor meine Brust genommen den Kopf über meine Schulter damit er die Zunge nicht verschluckt. Der Anfall war vorbei, aber er war nicht ansprechbar, hatte keinerlei Körperspannung und sabberte und pinkelte mich auf dem Weg voll. Gemeinsam mit den Anderen lief ich dann zurück. Die Jungs waren sichtlich überfordert und fragten ob Juan jetzt tot sei.Ich weis nicht wie aber irgendwie (plus einem guten Schuss Adrenalin) habe ich Juan bis in sein Bett tragen können, obwohl mir alles Weh tat. Danach konnte ich meine Arme nicht mehr heben, und hatte die kommenden 3 Tage Muskelkater.


An diesem Tag wurde mir dann noch einmal bewusst wie stark behindert die Jungs sind, und das es doch eine große Verantwortung mit sich bringt mit den Kindern zu arbeiten.
Körperlich und Geistig ziemlich beansprucht kam ich dann zurück in die Pousada. Moritz war zu dieser Zeit mit seinen Eltern auf Reisen und ich habe wiederholt festgestellt was für einen großen Redebedarf wir beide immer haben wenn wir von der „Arbeit“ nach Hause kommen.

Am nächsten Tag war Juan sichtlich Müde aber wieder wohl auf.
Es regnete den ganzen Tag und wir waren gezwungen im Haus zu bleiben.
Etwas Abwechslung brachte der Zahnarzt an diesem Tag. Zurzeit wohnt ein italienischer Zahnarzt, gehobenen Alters bei uns in der Pousada, der sämtliche Materialien mitgebracht hat um die Kinder zu behandeln. „Casa do Menor“ besitzt eine mobile „Zahnarztpraxis“ mit der er nun die Häuser abklappert. Ich begeleitete dann manche Kinder während der Behandlung.
Sieht schlimmer aus als es war,...
Nevio und Veronica (beides Italiener), behandeln Diago,...

Der Foltersaal von aussen,..Der kleine Marlon, mit Jungs aus Casa Andre, der Erstaufnahme von CdM,...
(in der Mitte noch der Capoeira-Lehrer)

Nach einem bitter nötigen Ruhetag, ging es am Freitag nach „Casa Angelo“ wo ich den ganzen Tag gefaltete Papierwürfel bastelte die die überfälligen Ostereier nun ersetzen. Später gab es dann noch Wackelpudding mit Bananen den ich mit den Jungs gemacht hatte.
Dort habe ich dann erfahren, dass Luiz-Enrique (grade 14 Jahre alt) dienstags abgehauen ist, nachdem es einen Streit mit einer Sozialmutter gab.

Ich habe ja in meinem letzten Blog geschrieben das ein anderer Junge, Patrick, weggelaufen sei. Da war ich emotional nicht so berührt, da er nicht lange bei uns war, auch wenn er ein feiner Junge ist. Luiz-Enrique kenne ich allerdings seit Anfang Januar.
Patrick (15),...
Luiz-Enrique (14),...

Es ist furchtbar traurig, dass viele Jungs die Chancen nicht annehmen können die sie hier geboten kriegen. Ich hoffe für ihn, dass er wieder zurückkommt.


Die Hoffnung stirbt zuletzt, euer Benjamin.