Dienstag, 18. Dezember 2007

Dienstag, den 18. Dezember 2007

Willkommen zum wahrscheinlich letzten Blogeintrag im Jahre 2007:

Anfangen möchte ich mit einer repräsentativen Szene meines brasilianischen Lebens.
Anlässlich eines Weihnachtsfestes in einer ortsansässigen Schule wurde ich von unserem Gitarristen gefragt ob ich nicht mit ihm das Programm musikalisch untermalen wollte. Zum Üben haben wir uns dann um 12 Uhr des folgenden Tages verabredet. Ich verlasse also am nächsten Tag meinen Arbeitsplatz früher und um 12 Uhr warte ich mit Emanuel (Einer der Italiener der Keyboard spielt) und Rafael (der bassspielende Bruder von Rogerio unserem Gitarrist) und Rogerio kommt nicht. Eine viertel Stundespäter werden wir dann in der Nähe von einer Bus mit Ladefläche abgeholt, auf der wir dann auch Platz nehmen und durch die halbe Stadt fahren. An der Schule angekommen werden wir den Kindern vorgestellt um dann festzustellen, das die Instrumente (von Casa do Menor) ja gar nicht da sind, da wir sie nicht mitgenommen haben. Die Probe wurde also auf den nächsten Tag verlegt und wir fahren mit dem Bus zurück. Was sich der Planer bei solchen Aktionen denkt bleibt mir schleierhaft und ich hoffe inständig das, wenn ich alles verstehen würde, ein Sinn dahinter steckt. Ist aber faszinierend zu sehen, wie gelassen ich hier mit solchen (Fehl-)Planungen umgehe. Zuhause würde ich echt ausrasten. Hier wird das Problem noch nicht mal angesprochen insofern es denn als solches Wahrgenommen wird,...

Die Probe am nächsten Tag war übrigens toll und der heutige Auftritt war ziemlich lustig.
Meine Gruppe die ein kleines Stueck aufgefuehrt hat,...

Die Woche hatte ich außerdem ein 2tes Mal die Gelegenheit die Straßenkinder in Rio zu besuchen. Diesmal fühlte ich mich wesentlich sicherer und wohler im Umgang mit den Kindern weil ich wusste was auf mich zukommt. Teilweise wurde ich sogar erkannt, was mich sehr gefreut hat. Die Italiener hatten Sandwichs sowie Getränke und Süßigkeiten vorbereitet die wir dann an die Kinder verteilt haben die natürlich sehr glücklich waren. Es lief etwas chaotisch doch noch erstaunlich diszipliniert ab.
Es regnete ziemlich während unseres Besuches und es wurde mir wieder mal bewusst was für Umständen die Kinder ausgesetzt sind (manche haben noch nicht einmal ein T-Shirt).

5 Kinder fuhren mit uns zurück nach „Casa do Menor“.
Auch wenn diese natürlich freiwillig mitkommen, sind 3 von ihnen wieder zurück auf die Straße gegangen. Ein 11 jähriger der in „Casa Angelo“ aufgenommen wurde hat das Projekt vorgestern verlassen nachdem er Zuckerrohrschnaps getrunken und geraucht hat. Es ist krass zu sehen wie die Kinder die Chance auf ein neues Leben verspielen da sie die strikten Regeln hier nicht befolgen möchten/können. Die scheinbare Unabhängigkeit und der Drogenkonsum ziehen sie wieder auf die Straße,…

Die Woche war außerdem ein Pärchen aus Paris hier. (Er ein Journalist für das franz. Fernesehen, Sie eine Künstlerin) Aus Zeitgründen habe wir leider nicht viel Gelegenheit bekommen uns näher kennen zu lernen.

Am Samstag habe ich eine Aufführung besucht. Eine Kirche neben „Casa Angelo“ bietet zurzeit ein Ferienprogramm an um die Kinder von der Straße wegzulocken, in dessen Rahmen sie ein Stück einstudiert haben. Die Kleinsten von „Casa Angelo“ haben auch mitgespielt. Es waren ca. 10 Erwachsene da um sich das Theater anzuschauen sowie ein paar Kinder. Das Stück war nicht wirklich professionell, aber die selbst gemachten Kostüme und der Spaß der darstellenden Kinder hat mich fast zu Tränen gerührt. Es war so goldig mit was für Elan und Freude die Kinder vorgespielt haben und ungeachtet ihren Fähigkeiten Capoeira und Tanz mitgemacht haben.
Konzentration,...
Romario als Engel,...
Als Indianer links die 3 aus Casa Angelo (Luiz-Claudio,Romario und Ruan),...

Die Kulisse,...

Vorgestern, am Sonntag, bin ich mit Emanuel und den Kindern von „Casa Angelo“ zu einer Kirche im Stadtteil „Copacabana“ gefahren. Die Kirche unterstützt unser Projekt und wird ab und an von unseren Kindern besucht. Die Kirche war sehr schön, doch da sich der Gottesdienst nicht wirklich von den hiesigen unterschieden hat bin ich mit Emanuel und unserem Fahrer Alberto an den schönen Strand von Copacabana gelaufen.
Alberto behauptete steif und fest es wäre zu kalt zum schwimmen aber die vielen Strandbesucher und 28 Grad um halb 10 Uhr morgens gaben uns recht. Zum ersten Mal ging es in die Fluten der Copacabana. Absolut herrlich,…

Als ich später mit meiner Familie telefonierte, fiel es mir schwer sich vorzustellen, das sie am selben Tag auf den Ingelheimer Weihnachtsmarkt gingen.

Gestern hatte ich wie gewohnt frei habe aber kurzfristig die Gelegenheit bekommen mit Emanuel und Moritz einen unserer Streetworker nach Rio zu begleiten.
Zuerst sind wir durch das „Zentrum“ von Rio gelaufen und ich kam mir vor wie ein kleiner Schuljunge der zum ersten Mal eine Stadt sieht. Riesige Straßen gesäumt von Hochhäusern und so viele Menschen,… War echt ziemlich geplättet von den ganzen Eindrücken aber es war sehr interessant mal einen Blick auf das andere Rio zu werfen.
Anschließend sind wir auf den „Corcovado“ gefahren, also der Berg auf dem die Christusstatue steht und ich hatte ein zweites Mal die Möglichkeit diese wirklich beeindruckende Statue zu sehen. Diesmal sogar bei recht guten Witterungsverhältnissen, sodass ich einen atemberaubenden Ausblick auf die ganzen Strände, Stadt und Zuckerhut hatte:Erleuchtend,...
Links seht ihr das Maracana-Stadion,... Ich und Christus,...
Links ein Teil der Copacabana und rechts ein Teil von Ipanema,...
Nicht ohne Grund offizieller katholischer Wallfahrtsort,...
Im Hintergrund Ipanema, das schwarze Dreieck ist ein nachts sehr schoen beleuchteter Tannebaum,...
Nur damit ihr wirklich glaubt das ich hier bin,...
Sagenhafte Kulisse,...
Haette ich mich umgedreht haette ich den Zuckerhut sehen koennen,...

Danach sind wir wieder zum Busbahnhof gefahren um uns mit Pe Renato, den Italienern sowie ein paar Mitarbeiter und Kindern von „Casa do Menor“ zu treffen. Wir haben eine verkürzte Messe mit den Straßenkindern gehalten und später haben unsere Jungs Capoeira und Perkussion vorgeführt. Im Anschluss gab es Essen und Trinken für die Kinder.
Ein sechzehnjähriges Mädel hatte ein 1 Monat altes Kind auf dem Arm und auf Nachfrage stellte sich heraus dass sie das Baby einer geistig sehr angeschlagenen Drogenabhängigen abgenommen hat und diese sich nicht mehr Blicken lässt. Anfangs wollte sie mit dem Kind auf der Straße bleiben, doch als wir ihr klar gemacht hatten dass dies der sicher Tod für das Kind sein wird entschloss sie sich mit dem Säugling in unser Projekt zu kommen. Man kann sich ausmalen für wie viele Kleinstkinder ein solches Angebot nicht existiert. Mit all den Eindrücken überfordert fiel ich gestern ziemlich müde ins Bett. Es fehlt oft die Zeit ein zu reflektieren und ich freue mich jetzt sehr auf meine Freundin und auf den Januar, da Moritz und ich dort ein Zwischenseminar in „Salvador de Bahia“ haben. Dort können wir uns austauschen und mal erste „Bilanz ziehen“

Bin immer noch begeistert von diesem Land und es ist schier unglaublich, das jede Woche unerwartete Eindrücke und Chancen dazukommen. Bin wirklich froh hier sein zu dürfen.

Ich möchte die Gelegenheit noch nutzen und euch allen ein besinnliches, ruhiges und erholsames Weihnachtsfest wünschen.
Ich denke nicht dass ich es an Weihnachten oder vor Silvester schaffe noch einmal zu schreiben, da meine Freundin mich am Freitag für 10 Tage besuchen kommen wird. Ich melde mich dann im neuen Jahr wieder

Alles erdenklich Liebe aus Brasilien, ich denke an euch, euer Benni.
Ein paar meiner Kleinen aus Casa Angelo,...

Montag, 10. Dezember 2007

Montag, der 10. Dezember 2007

Einen wunderschönen Tag an euch alle.

Nachdem ich mich jetzt längere Zeit nicht mehr gemeldet habe bringe ich euch mal wieder auf den neuesten Stand.

Auf dem typischen Touristenausflug (Christusstatue, Copacabana, Zuckerhut) hatte ich den darauf folgenden Freitag die Chance die andere Seite von Rio kennen zu lernen. Ich fuhr mit Moritz, den Italienern, Pe Renato und 3 Streetworkern von „Casa do Menor“ an den gigantischen Busbahnhof von Rio de Janeiro. Dort besuchten wir einen Ort wo sich Straßenkinder aufhielten, und die dort regelmäßig von unseren Streetworkern aufgesucht werden. Ich wusste zwar auch das die Kids mit denen ich arbeite nicht vom Himmel fallen, doch die Kinder dort zu sehen hat schon weh getan. Fast alle hatten Plastikflaschen in der Hand in denen Klebstoff war oder in Klebstoff getränkte Tücher die sie sich ständig zu Mund und Nase führten um die Dämpfe einzuatmen. Neben der Hungerstillenden Wirkung die die Kinder beabsichtigen benebelt es natürlich total, sodass die Kinder sehr apathisch und mit gläsernen Augen an einem hingen. Man fühlt sich dann schon sehr hilflos und auch etwas unbeholfen weil man überhaupt nicht weiß wie man reagieren soll. Da war zum Beispiel ein 10 jähriges Mädel was mir einen Kuss auf die Wange gedrückt hat. Wenn man überlegt wie ein 10 jähriges Mädel bei uns umsorgt wird und wie eigenständig sich dieses Mädel in der Welt behaupten muss. Man muss da schnell erwachsen werden.
Ein Mädchen das von ihrem Bruder mit einer Eisenstange verprügelt wurde bevor wir kamen haben wir dann ins Krankenhaus gefahren. Da hat man noch mal gemerkt wie hilflos die Kinder allem und jedem ausgeliefert sind, da sie niemanden haben an den sie sich wenden können.

Mit noch flauem Gefühl im Bauch sind wir dann in den Sambadrom gefahren. Dort haben wir dann ziemliches Kontrastprogramm gehabt. Der Sambadrom ist ein von „Oscar Niemeyer“ geplante 1,5 Kilometer lange Straße die auf der einen Seite von einer großen Tribüne und auf der anderen Seite mit Logen gesäumt ist. Dort finden an Karneval immer die Wettbewerbe der größten Sambaschulen Rio´s statt von denen immer die Fotos stammen die man bei uns in den Medien sieht. Momentan finden an den Wochenenden immer von einer Sambaschule (mit jeweils ca. 9000 Personen) die Proben statt. Da diese im Gegensatz zu dem eigentlichen Wettbewerb nichts Kosten schauen sich die Bewohner Rio´s die Proben an. So waren wir in etwa 50.000 Menschen die sich über eine Stunde Sambatanzende Menschen anschauten. Sehr schön das mal zu sehen auch wenn der Kontrast natürlich nicht größer sein könnte. Von der Tribüne aus konnte ich auch die erleuchtete Christusstatue und darunter die in der Nacht sehr schön funkelnden „Favelas“ sehen.
Anschließend sind wir noch in ein für das Nachtleben berühmte Viertel gefahren, wo auch sehr viele Kinder auf der Straße geschlafen haben. Mit einem Caipirinha an der „Copacabana“
nachts um halb 1 wurde der Abend dann beendet.

An der Copa,...

Rio bei Nacht (der helle Punkt ist die Christusstatue),...

Am nächsten Tag habe ich mit meinen Jungs in „Casa Angelo“ einen Heißluftballon gebaut der dann leider nicht wirklich abgehoben hat, aber wir werden daran feilen,…
Am Nikolaustag wurde mit Moritz zusammen nach Oma´s Rezepten deutsche Plätzchen gebacken, was ziemlich viel Arbeit war aber wir mit voller Stolz auf 6 Sorten feinstes Gebäck blicken können. Diese werden jetzt im Shop von „Casa do Menor“ verkauft, wo sie hoffentlich ein bisschen was einbringen werden.

Trotz Plätzchenbacken ist in Anbetracht des steigen Quecksilberpegels Weihnachtstimmung undenkbar. Für meine Freundin, die mich über Weihnachten besuchen kommt werden es wohl einen Differenz von 40 Grad sein die es zu überwinden gilt.

Zum Glück gibt es ja in manchen Häusern von Casa do Menor einen Pool, was dann eine wahre Wohltat ist, auch wenn viel Chlor und Sonne die Haut nicht gerade geschmeidiger machen.

Der verzweifelte Kampf um einen Ball,...

Romulus,...

Ich bin viel brauner als es der Kontrast vortaeuscht,...

Sehr schön war es am Samstag, da haben 2 Mitarbeiter von „Casa do Menor“ in unserer Kapelle geheiratet. Sehr viele unserer Kinder waren auch da und es war eine sehr schöne tränenreiche Hochzeit. Ich durfte Schlagzeug spielen, was mir sehr viel Spaß gemacht hat, und das Hochzeitspärchen sehr gefreut hat.

Gestern gab es dann eine Bingoveranstaltung um ein bisschen Geld zusammen zu bekommen da ein paar unserer Leute für einen Monat nach „Fortaleza“ fahren. Das ganze fand in der „CIDAH“ statt und wir hatten die Möglichkeit uns im Pool abzukühlen. Ich habe mit den kleinen Kindern von „Casa Herbalife“ (0-6 Jahre) geplanscht und mein Rücken wurde etwas verkratzt, weil die ganze Zeit Kinder auf meine Schultern geklettert sind. Hier mal ein paar Impressionen von den wirklich süßen Kindern und dem vollen Pool.


Ich verbliebe mit Grüßen, genießt das schöne kalte Adventswetter, euer Benni.

Samstag, 1. Dezember 2007

Samstag, den 1. Dezember 2007

Hier wie gehabt eine Zussammenfassung des Monats fuer meine Arbeitgeber:

Monatsbericht Nr. 2

Zeitraum: 23. Oktober – 30. November 2007


Wie angekündigt habe ich diesen Monat angefangen in „Casa Angelo“ zu arbeiten.
Dort leben Jungs im Alter von 7 – 15 Jahren sowie zurzeit ein 23 jähriger mit Behinderung.
Da die Jungs an den Werktagen vormittags zur Schule gehen, habe ich mit „Casa do Menor“ vereinbart samstags und sonntags dort zu arbeiten, da dann alle Kinder im Haus sind. Ich übernachte dann dort, da das Haus 15 Minuten (mit meinem Fahrrad) von der „Pousada“ entfernt liegt. Das hat den Vorteil dass ich nachts nicht durch Miguel Couto fahren muss und ich außerdem mehr von dem Leben der Kleinen mitbekommen kann.
Die Arbeit, wenn auch noch in den Anfängen, macht mir viel Spaß. Es gibt sehr viele Aktivitätsmöglichkeiten mit den Kleinen und ich habe sehr viele Ideen im Kopf.
Die letzte Woche habe ich mit den Kleinen z.B. abends über einem Feuer Stockbrot gemacht.

Montag und Freitag habe ich jetzt frei (Quasi mein verschobenes Wochenende), Dienstag, Mittwoch und Donnerstag arbeite ich wie gehabt in „Casa Renascer“. Für die Jugendlichen dort, ist es, so empfinde ich es zumindest, schön Moritz und mich noch eine Weile dort zu haben.

Ansonsten begleite ich weiterhin in den Messen und teilweise auch Morgenandachten Rogerio (unseren Gitarristen und Sänger) auf dem Schlagzeug. Es macht mir sehr viel Spaß weil die Menschen hier viel mehr mitsingen und tanzen als es in Deutschland üblich ist.

Der Monat ging wahnsinnig schnell vorbei, was auch daran lag das Moritz und ich viele Aufgaben bekommen haben, die von unserem normalen Arbeitsalltag abwischen. So haben wir zum Beispiel „Regelwerke“ für die „Pousada“ ins Deutsche und Englische übersetzt,
ich habe einen Fotograf in die versch. Häuser begleitet und 2 Deutsche durch „Casa do Menor“ geführt. Außerdem bekamen wir Besuch aus St.Wolfgang/Dieburg,
den wir auch teilweise begleiteten.
So fällt immer etwas an das es zu erledigen gilt (z.B. auch kleine Reparaturarbeiten in der Pousada), sodass man gar keine Chance hat in einen Trott zu verfallen.

Zum eigenen Befinden:
Mir geht es nach wie vor sehr gut in meinem neuen Umfeld und Tätigkeitsbereich.
Es wird eher spannender als monoton da sich ständig neue Möglichkeiten und Einblicke auftun.
Der Schritt in „Casa Angelo“ zu gehen tat/tut mir gut, da ich mehr Raum habe meine Sprache zu verbessern, da ich dort alleine arbeite und so „gezwungen“ bin mehr zu sprechen.
Ich bin generell mit der Lösung in „2 Häusern“ zu arbeiten sehr zufrieden, da es zum einen sehr abwechslungsreich für mich ist und ich auch die Kinder/Jugendlichen in „Casa Renascer“ nicht verlassen muss.
Das Leben in der „Pousda“ wird auch nicht so schnell langweilig, und es ist eine geniale Möglichkeit Menschen und Länder kennen zu lernen. Wir hatten diesen Monat Leute aus Deutschland, Italien, Monte Carlo und Kuba zu Besuch.