Montag, 8. September 2008

Montag, der 8. September 2008

Zum letzten Mal „einen schönen Tag“ an all diejenigen die meinen Blog und somit mein Sein hier in Brasilien, so interessiert verfolgt haben.

Fast einen Monat ist es nun her, dass ich etwas geschrieben habe.

Es ist mir nicht Möglich all das so wiederzugeben wie ich es sonst tat.

Im Vordergrund soll das nahende Ende meines Aufenthaltes, meines „Anderen Dienstes im Ausland“, stehen. Ein kleines Resümee, das bei weitem nicht dem Gerecht werden wird was ich hier erleben durfte:

Wie hat es also angefangen?

Der Wunsch in ein anderes Land zugehen, um dort meinen Zivildienst zu absolvieren, existiert schon eine Weile. Nach diversen Gesprächen und Vorstellungen war dann seit November 2006 (!!!) klar das ich nach Brasilien gehen werde. Das heißt so klar war es nicht, habe ich doch sehr viel mit mir ringen und kämpfen müssen bis ich dann am 14. September 2007 in den Flieger gestiegen bin. Nach langem nervenaufreibendem Warten ging es also endlich los.

Die erste Zeit hier war in erster Linie dann eine nicht endende Reizüberflutung. Meine, nicht vorhandenen, Sprachkenntnisse machten mir doch oft zu schaffen. Wenn ich überlege wie ich am Anfang z.B. bei der Post gestanden habe und ausformulierte Sätze abgelesen habe (worauf dann natürlich doch noch Nachfragen kamen) oder ich mich noch nicht einmal Vorstellen konnte, war es eine unglaublich Erfahrung, von dem Wohlwollen anderer Menschen abhängig zu sein und Gestik- Lautkommunikation zu perfektionieren. Teilwiese kam ich mir vor als würde ich Comicsprechblasen vertonen.

Auf jeden Fall war wirklich alles was ich heute so selbstverständlich tue, eine riesige Herausforderung.

Ich glaube ich darf behaupten, das es leichter ist als Deutscher nach Brasilien zu kommen als umgekehrt, den die brasilianische Art macht es einem recht einfach den Anschluss zu finden.

So wurde ich auch an meinem ersten Arbeitsplatz (Casa Renascer, Jungs von 16-17 Jahre) wo ich 3 Monate arbeitete, sehr respektvoll und wohlwollend behandelt. Nicht selbstverständlich, wenn man überlegt wie es wirken muss wenn da ein Fremder kommt der kein Wort versteht und noch nicht mal richtig Fußball spielen kann,…

Auf jeden Fall hat sich zu den Jungs etwas entwickeln können was, auch wenn ich jetzt nicht mehr dort arbeite, noch heute spürbar ist. Eine unvergessliche erste Zeit in der Fremde!

Dann das erste Weihnachtsfest ohne Familie. Wiedererwartend nicht so schlimm weil einfach keine Weihnachtstimmung aufkommen konnte, war doch alles anderes als ich es gewohnt bin. Außerdem war meine Freundin 9 Tage hier, und somit eine vertraute Person dabei. Am 1. und 2. Weihnachtsfeiertag dann in den Häusern bei den Kindern wird dann dennoch unvergesslich bleiben.

Silvester dann, fern ab von Zuhause, an der Copacabana. Was werden die nächsten 9 Monate bringen?

Erst mal eine kleine Tiefphase weil mir die Sprache doch noch viel zu oft im Weg steht.

Dann im Januar das Zwischenseminar in „Salvador da Bahia“. Der Austausch mit anderen Freiwilligen tut gut, der Seminar Ort ist Postkartenverdächtig, Moritz und ich hängen noch 2 Urlaubstage vorne dran. Mit Flugzeug 2 Stunden hin und mit dem Bus 27 zurück, kann ich zum ersten Mal die unglaubliche Weite Brasiliens erahnen.

Anfang Februar dann unvermeidlich der „Carneval“, und anschließend ebenfalls typisch brasilianisch dann das „Dengue-Fieber“. Das einzige Mal, wo ich mich wirklich am liebsten in den Flieger gesetzt hätte. Ich habe mich körperlich noch nie so schlecht gefühlt, und die ewige Ungewissheit, das schlechte Gesundheitswesen sowie viel zu viel Zeit zum Nachdenken, taten ihr übriges. Trotz knapp 6 Kilo Gewichtsverlust, ging es dann irgendwann wieder besser.

Anfang März ging es dann nach „Casa Jesus Menino“ (12 Jungs, davon 8 behindert oder Traumatisiert), wo ich bis jetzt (zusammen mit „Casa Angelo“ [Jungs von 8-15 Jahren]) arbeite. Die ersten 2 Wochen sind einfach nur anstrengend und schwierig, aber ich merke schnell wie viel mir die Kinder dort trotz aller Einschränkungen geben können. Auch das in der Natur gelegene Areal lässt mich von der riesigen Stadt erholen.

Ende März, kommt dann Claire, eine gute Freundin, für 3 Wochen her. Neben meinem Projekt und Rio, lerne ich selbst auch noch viel kennen. Wir Reisen mit dem Bus 36 Stunden nach „Mato Grosso“ um 4 Tage das Projekt unseres alten Gymnasiums zu besuchen. Besuchen einen Nationalpark und das „Pantanal“, danach geht es weiter nach Brasilia wo wir auf Moritz treffen und wir von Ana-Paula (die 2 Monate in der Pousada gelebt hatte) 3 Tage unvergesslich begleitet werden. Auf dieser Reise bin ich das erste Mal wirklich stolz auf meine Sprachkenntnisse, und die Selbstverständlichkeit mit der ich Claire dieses Land näher bringen kann.

Danach fange ich an die Früchte meiner Arbeit zu tragen. Die Arbeit mit den Kindern macht sich unglaublich bemerkbar. Das Verhältnis zu den Kindern ist auf einem ganz neuen Level angekommen. Die Monate rasen und der ganz normale Wahnsinn ist allgegenwärtig. Es vergeht keine normale Woche. Alles auszuführen ist unmöglich. Ich habe Geburtstag, werde in „Casa Angelo“ beklaut, besuche einen berüchtigten Jugendknast in Rio, Ruan schlägt mir ins Gesicht und hat weit weg vom Haus mitten in der Pampa einen Epilepsieanfall. Viele Leute gehen in der Pousada ein uns aus, zu manchen baut sich ein Verhältnis auf.

Ende Juni kommt dann meine Freundin zu Besuch. Wir reisen nach „Buzios“, machen einen Surfkurs und lassen es uns gut gehen. Mein großer Bruder und meine Cousine stoßen anschießend dazu und es geht auf die „Ilha Grande“ und an die „Costa Verde“. Unvergessliche Augenblicke. Es war mir sehr wichtig, mir vertrauten Menschen einen Eindruck von diesem Land und meiner Arbeit, von all den krassen Gegensätzen hier zu geben.

Soviel also zu den Eckpunkten eines sehr schnell vergangenem Jahres.

Noch nie habe ich in so einem Zeitraum auch nur annähernd so viele Eindrücke sammeln können.

Was habe ich also mitgenommen, bzw. was kann ich rüberretten?

Bin ich ein anderer Mensch geworden.

Kann man bei all dem überhaupt der Selbe bleiben?

Vieles was sich wohl erst in Zukunft zeigen wird. Sicher jedoch das es mich mein Leben lang begeleiten und auch prägen wird!!!

Alles was ich jetzt noch sagen würde, wird es nicht vollkommen treffen.

Evt. Ein Zitat von Hape Kerkelings Buch:

„Dieser Weg ist hart und wundervoll. Er ist eine Herausforderung und eine Einladung. Er macht dich kaputt und leer. Restlos. Und er baut dich wieder auf. Gründlich.
Er nimmt dir alle Kraft und gibt sie dir dreifach zurück.“

Ich bin unglaublich dankbar für all die Wärme die ich in deisem Jahr hier empfangen durfte!!!

Ich hoffe die letzten Augenblicke gut zu nutzen.
Meine Gefühlswelt steht ziemlich Kopf zu Zeit.
Ich kann es einfach nicht glaueben das alles vorbei sein soll.

Bei unserem kleinen Abschlussfest am Samstag sind meine ersten Tränen geflossen und es werde bestimmt nicht die letzten sein.

Zu guter Letzt möchte ich all denen Danken, die mich während dieses Jahres aber auch in der Vorbereitung so sehr Unterstützt haben. Allen Menschen die mich in meinem Vorhaben bestärkt haben, Zweifel ausgeräumt und Mut gemacht haben.

Die Gewissheit Zuhause Menschen zu haben die ein aufrichtiges Interesse an meinem Auslandsjahr haben und die mich bedingungslos unterstützen hat mich ungemein bestärkt. Kraft geschenkt in Schwierigen Zeiten! Und so schwer es mir auch fällt alles hier in Brasilien zurückzulassen, so weiß ich doch das ich Daheim aufgefangen werde von vielen mir wichtigen Menschen.

Ich freue mich auf euch, wiederholt vielen Dank für jegliche Unterstützung, bis ganz bald, euer Benjamin.


2 kleine Vorfälle zum Schluss:

Der kleine Marquinho (Jesus Menino) hat einen zerkratzten Oberschenkel. Auf meine Nachfrage hin: „Das ist wenn Du nicht hier bist, und weil ich so nervös bin weil du ja bald fährst!“

Jean (Abschlusslagerfeuer in Casa Angelo) setzt sich beim Stockbrot zu mir: „Ich werde Dich so sehr vermissen, lass uns einfach hier sitzen bleiben bis die Sonne wieder aufgeht!“

Vielleicht habe ich eben doch etwas Kostbares in den Kindern hinterlassen können.

Ich hoffe das dies bisschen Liebe was ich geben konnte in ihren Herzen währt,…

Auf Wiedersehen Rio de Janeiro!!!

Mittwoch, 13. August 2008

Mittwoch, der 13. August 2008

Ich sitze auf der neuen Veranda der renovierten Pousada, stelle fest dass Morgen nur noch ein Monat bleibt, wohl wissend das der nahe Abschied keineswegs bedeutet das es nichts mehr zu entdecken gibt. Die Zeit scheint sich täglich zu beschleunigen, doch wird man immer wieder aus dem Alltag gerissen da irgendetwas Neues am „Wegesrand“ steht. Dieses Land vollends zu Verstehen habe ich aufgegeben, aber was ich in dieser Zeit hier schon alles erleben durfte hat mir Brasilien doch viel näher gebracht. Ich glaube ich habe mir über dieses Land schon mehr Gedanken gemacht als ich es Deutschland habe zukommen lassen.

Bevor ich aber ins Philosophieren gerate: Es hat sich erneut so Einiges angesammelt, was verlangt Niedergeschrieben zu werden!

Nachdem meine letzten Besucher also abgereist waren, ging auch Moritz einen Tag später für 1 Woche nach São Paulo, sodass ich ein bisschen Zeit hatte wieder in mein Leben hier zurück zu kehren. Es war zwar etwas seltsam plötzlich keine Familie mehr um einen zu haben, man gewöhnt sich ja schließlich schnell an alles, aber ich freute mich ziemlich darauf meine Jungs wieder zu sehen und Denen ging es genauso. Nach sehr herzlichem Wiedersehen in den Häusern, konnte ich endlich wieder arbeiten. Es hat mich sehr gefreut zu sehen, das man ein Teil des Lebens der Kinder geworden sind. (Ich komme später noch einmal darauf zurück!) Es stimmt froh, und Zeitgleich traurig zu Wissen das einige schon jetzt in meiner Abwesenheit nach mir Fragten und mir sagten das sie „Sehnsucht“ hatten, den bald werde ich mich nun wirklich aus deren Leben zurückziehen,…

Die Arbeit in „Casa Jesus Menino“ macht mir mehr Spaß denn je, was wohl einfach daran liegt das ich halt „dazu gehöre“. Als vorletzte Woche die Sozialeltern einen Ausflug machten, war ich verantwortlich dort, und auch wenn noch ein Italiener sowie ein brasilianisches Pärchen dabei waren wurde ich sowohl von Kindern als auch den Anderen um Rat, Erlaubnis u.s.w. gefragt. Das machte mich dann doch Stolz, wenn ich Überlege wie ich ursprünglich hier begonnen habe.

Auf dem Weg zu meiner 2ten Arbeitsstelle (Casa Angelo) wurde ich dann wieder ins Leben zurückgeholt, als ich, Fahrrad fahrend, einen toten Mann auf der Straße liegen sah. Ich glaube die Situation war zu unwirklich als dass sie mir so richtig nah gehen konnte, zumal sein nur von der Seite zu sehen war da ein Spannbetttuch über ihn ausgebreitet war. Eine halbe Woche später sah ich Ihn dann unverhüllt in der Zeitung. Er wurde in der 10 Meter entfernten Gesundheitsstation nicht behandelt bzw. drangenommen und ist auf dem Rückweg (im Alter von 47) gestorben.

Ich glaube wenn er Opfer einer Gewalttat gewesen wäre, hätte es mich noch mehr beschäftigt.

Dennoch war es ein komisches Gefühl am nächsten Mittag danach an der Stelle vorbeizufahren und festzustellen, das dass Leben auf der Straße unverändert seinen Lauf nimmt. Die Welt dreht sich dann doch weiter,…

Auch in der Pousada geht alles seinen Lauf. Nach langen Renovierungsarbeiten, die alles so gar nicht Heimelig wirken ließen, sind viele neue Personen zu uns gestoßen. Zurzeit leben hier nun ein Pärchen, ein junger und ein älterer Mann sowie eine Junge Frau aus Italien. Außerdem ein Brasilianer aus Manaus (Amazonas) sowie 2 Damen aus Deutschland. Außerdem waren zwischenzeitlich auch 2 Französinnen da. Es ist also Leben in der Bude, was manchmal sehr erfrischend und manchmal einfach nervtötend ist.

Dank einem Weinpaket eines guten Freundes aus meiner Heimatstadt, findet dann der internationale Austausch auch Kulinarisch statt. Italienische Nudeln mit dt. Rotwein.

Abgesehen von der Wirkung des Weines sind es Zustände wie in Babel, weil jeder in einer anderen Sprache spricht und man mit dem einen Italiener Englisch redet mit dem Anderen Deutsch, mit dem Nächsten Englisch und mit dem Französinnen Portugiesisch. Es kommt dann doch immer vor, das man mitten im Englischen Satz Portugiesisch weiter spricht, oder in der falschen Sprache Personen anspricht die einen nur fragend anschauen.

Donnerstags bin ich dann mit Cinzia in einen Kindergarten von „CdM“ gefahren, da sie dort arbeiten wird und ich ihr den Weg zeigen sollten. Es war ziemlich schön dort zu sein, doch merke ich dass mir die Arbeit mit etwas älteren Kindern doch mehr zurückgibt. Das war noch mal ganz gut zu sehen, da ich von meiner Vorgesetzten eigentlich dorthin geschickt wurde, um den Rest meiner Zeit hier in Brasilien dort zu arbeiten. Ich wollte das nicht und habe dann auch meine Entscheidung vertreten, die restliche Zeit mit „meinen“ Kindern verbringen zu wollen. Insofern fühlte ich mich in meiner Entscheidung bestätigt.

Auf die Sache der Bedeutung für die Kinder wollte ich ja noch zurückkommen. Gestern war in Brasilien Vatertag. Als ich dann am Freitag in „Casa Angelo“ war, brachte mir „Wendrey“ einen Einwegrasierer, der an einem Papierschlips befestigt war auf dem „Feliz Dia dos Pais“ stand. Das hatten sie in der Schule vorbereitet. Man muss dazu wissen das sein Vater seid 5 Jahren im Gefängnis sitzt. Ich war so gerührt, weil mir bewusst war das ich halt eben ein Familien- ein Vaterersatz für Ihn und auch für Andere darstelle. So werde ich z.B. neben dem typischen „Tio“ (Onkel) auch oft von Jungs „Pai“ (Vater) gerufen. Wieder so eine Sache die einen nicht nur froh sondern auch melancholisch machen kann,…

Abends ging es dann mit Moritz, einem Mitarbeiter (Carlos) und 3 Italienern (Giovanni, Martina, Cinzia) auf eine 70, 80, 90 Jahre-Party wo dann eifrig getanzt wurde.

Leicht geschlaucht ging es am folgenden Morgen auf einen Tagestrip nach Teresópolis um dort eine „Fazenda da Esperança“ zu Besuchen wo ich schon im Dezember war. Nach einer unfreiwilligen Pause durch eine schwache Batterie unseres Sprinters kamen wir dann nach ca. 5 Stunden an. Uns siehe da, obwohl es nun 8 Monte her ist und ich damals noch lange Haare hatte, wurde ich von 2 erkannt. Von dort ging es dann wieder zurück nach Rio, allerdings dann an die Copacabana um ein Bier bzw. Caipirinha oder eine Kokosnuss zu schlürfen. Anschließend sind wir dann durch das nächtliche Rio gefahren um den neu Angekommen einen Überblick zu geben. Auch wenn ich gemerkt habe dass ich irgendwie selbstverständlich mit der Szenerie umgehe ist es doch immer ein tolles Bild was diese Stadt einem präsentiert.

Heute hatte ich dann eigentlich meinen freien Tag. Wie es aber hier bei „Casa do Menor“ so läuft wurde ich dann gefragt ob ich 2 dt. Frauen begleiten könnte, die sich das Projekt anschauen wollten. Aus meinen Plänen wurde so nichts, aber es war für mich eine schöne Gelegenheit noch mal in fast alle Häuser von uns zu gehen. Uns wurde also ein Fahrer zur Verfügung gestellt und dann haben wir diverse Häuser von uns abgeklappert. Es war super, weil sich alle ziemlich gefreut haben mich zu sehen. Man merkt doch wie lange ich schon in dieser „Gemeinschaft“ lebe.

Jetzt steht bald wieder ein neuer Lebensabschnitt an, und ein Rundbrief von einer anderen Freiwilligen deren Dienst jetzt auch zu Ende ging hat es ganz treffend beschrieben. Ein neuer Lebensabschnitt steht bevor, man kommt in ein anderes Land zurück, Freunde haben sich studierender Weise verteilt, die Schule ist endgültig vorbei, es wartet meine Ausbildung, und es gilt wieder Neuland zu erkunden.

Auf das wir uns dort gesund wieder sehen, bis ganz Bald, euer Benni.

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