Ich sitze auf der neuen Veranda der renovierten Pousada, stelle fest dass Morgen nur noch ein Monat bleibt, wohl wissend das der nahe Abschied keineswegs bedeutet das es nichts mehr zu entdecken gibt. Die Zeit scheint sich täglich zu beschleunigen, doch wird man immer wieder aus dem Alltag gerissen da irgendetwas Neues am „Wegesrand“ steht. Dieses Land vollends zu Verstehen habe ich aufgegeben, aber was ich in dieser Zeit hier schon alles erleben durfte hat mir Brasilien doch viel näher gebracht. Ich glaube ich habe mir über dieses Land schon mehr Gedanken gemacht als ich es Deutschland habe zukommen lassen.
Bevor ich aber ins Philosophieren gerate: Es hat sich erneut so Einiges angesammelt, was verlangt Niedergeschrieben zu werden!
Nachdem meine letzten Besucher also abgereist waren, ging auch Moritz einen Tag später für 1 Woche nach São Paulo, sodass ich ein bisschen Zeit hatte wieder in mein Leben hier zurück zu kehren. Es war zwar etwas seltsam plötzlich keine Familie mehr um einen zu haben, man gewöhnt sich ja schließlich schnell an alles, aber ich freute mich ziemlich darauf meine Jungs wieder zu sehen und Denen ging es genauso. Nach sehr herzlichem Wiedersehen in den Häusern, konnte ich endlich wieder arbeiten. Es hat mich sehr gefreut zu sehen, das man ein Teil des Lebens der Kinder geworden sind. (Ich komme später noch einmal darauf zurück!) Es stimmt froh, und Zeitgleich traurig zu Wissen das einige schon jetzt in meiner Abwesenheit nach mir Fragten und mir sagten das sie „Sehnsucht“ hatten, den bald werde ich mich nun wirklich aus deren Leben zurückziehen,…
Die Arbeit in „Casa Jesus Menino“ macht mir mehr Spaß denn je, was wohl einfach daran liegt das ich halt „dazu gehöre“. Als vorletzte Woche die Sozialeltern einen Ausflug machten, war ich verantwortlich dort, und auch wenn noch ein Italiener sowie ein brasilianisches Pärchen dabei waren wurde ich sowohl von Kindern als auch den Anderen um Rat, Erlaubnis u.s.w. gefragt. Das machte mich dann doch Stolz, wenn ich Überlege wie ich ursprünglich hier begonnen habe.
Auf dem Weg zu meiner 2ten Arbeitsstelle (Casa Angelo) wurde ich dann wieder ins Leben zurückgeholt, als ich, Fahrrad fahrend, einen toten Mann auf der Straße liegen sah. Ich glaube die Situation war zu unwirklich als dass sie mir so richtig nah gehen konnte, zumal sein nur von der Seite zu sehen war da ein Spannbetttuch über ihn ausgebreitet war. Eine halbe Woche später sah ich Ihn dann unverhüllt in der Zeitung. Er wurde in der 10 Meter entfernten Gesundheitsstation nicht behandelt bzw. drangenommen und ist auf dem Rückweg (im Alter von 47) gestorben.
Ich glaube wenn er Opfer einer Gewalttat gewesen wäre, hätte es mich noch mehr beschäftigt.
Dennoch war es ein komisches Gefühl am nächsten Mittag danach an der Stelle vorbeizufahren und festzustellen, das dass Leben auf der Straße unverändert seinen Lauf nimmt. Die Welt dreht sich dann doch weiter,…
Auch in der Pousada geht alles seinen Lauf. Nach langen Renovierungsarbeiten, die alles so gar nicht Heimelig wirken ließen, sind viele neue Personen zu uns gestoßen. Zurzeit leben hier nun ein Pärchen, ein junger und ein älterer Mann sowie eine Junge Frau aus Italien. Außerdem ein Brasilianer aus Manaus (Amazonas) sowie 2 Damen aus Deutschland. Außerdem waren zwischenzeitlich auch 2 Französinnen da. Es ist also Leben in der Bude, was manchmal sehr erfrischend und manchmal einfach nervtötend ist.
Dank einem Weinpaket eines guten Freundes aus meiner Heimatstadt, findet dann der internationale Austausch auch Kulinarisch statt. Italienische Nudeln mit dt. Rotwein.
Abgesehen von der Wirkung des Weines sind es Zustände wie in Babel, weil jeder in einer anderen Sprache spricht und man mit dem einen Italiener Englisch redet mit dem Anderen Deutsch, mit dem Nächsten Englisch und mit dem Französinnen Portugiesisch. Es kommt dann doch immer vor, das man mitten im Englischen Satz Portugiesisch weiter spricht, oder in der falschen Sprache Personen anspricht die einen nur fragend anschauen.
Donnerstags bin ich dann mit Cinzia in einen Kindergarten von „CdM“ gefahren, da sie dort arbeiten wird und ich ihr den Weg zeigen sollten. Es war ziemlich schön dort zu sein, doch merke ich dass mir die Arbeit mit etwas älteren Kindern doch mehr zurückgibt. Das war noch mal ganz gut zu sehen, da ich von meiner Vorgesetzten eigentlich dorthin geschickt wurde, um den Rest meiner Zeit hier in Brasilien dort zu arbeiten. Ich wollte das nicht und habe dann auch meine Entscheidung vertreten, die restliche Zeit mit „meinen“ Kindern verbringen zu wollen. Insofern fühlte ich mich in meiner Entscheidung bestätigt.
Auf die Sache der Bedeutung für die Kinder wollte ich ja noch zurückkommen. Gestern war in Brasilien Vatertag. Als ich dann am Freitag in „Casa Angelo“ war, brachte mir „Wendrey“ einen Einwegrasierer, der an einem Papierschlips befestigt war auf dem „Feliz Dia dos Pais“ stand. Das hatten sie in der Schule vorbereitet. Man muss dazu wissen das sein Vater seid 5 Jahren im Gefängnis sitzt. Ich war so gerührt, weil mir bewusst war das ich halt eben ein Familien- ein Vaterersatz für Ihn und auch für Andere darstelle. So werde ich z.B. neben dem typischen „Tio“ (Onkel) auch oft von Jungs „Pai“ (Vater) gerufen. Wieder so eine Sache die einen nicht nur froh sondern auch melancholisch machen kann,…
Abends ging es dann mit Moritz, einem Mitarbeiter (Carlos) und 3 Italienern (Giovanni, Martina, Cinzia) auf eine 70, 80, 90 Jahre-Party wo dann eifrig getanzt wurde.
Leicht geschlaucht ging es am folgenden Morgen auf einen Tagestrip nach Teresópolis um dort eine „Fazenda da Esperança“ zu Besuchen wo ich schon im Dezember war. Nach einer unfreiwilligen Pause durch eine schwache Batterie unseres Sprinters kamen wir dann nach ca. 5 Stunden an. Uns siehe da, obwohl es nun 8 Monte her ist und ich damals noch lange Haare hatte, wurde ich von 2 erkannt. Von dort ging es dann wieder zurück nach Rio, allerdings dann an die Copacabana um ein Bier bzw. Caipirinha oder eine Kokosnuss zu schlürfen. Anschließend sind wir dann durch das nächtliche Rio gefahren um den neu Angekommen einen Überblick zu geben. Auch wenn ich gemerkt habe dass ich irgendwie selbstverständlich mit der Szenerie umgehe ist es doch immer ein tolles Bild was diese Stadt einem präsentiert.
Heute hatte ich dann eigentlich meinen freien Tag. Wie es aber hier bei „Casa do Menor“ so läuft wurde ich dann gefragt ob ich 2 dt. Frauen begleiten könnte, die sich das Projekt anschauen wollten. Aus meinen Plänen wurde so nichts, aber es war für mich eine schöne Gelegenheit noch mal in fast alle Häuser von uns zu gehen. Uns wurde also ein Fahrer zur Verfügung gestellt und dann haben wir diverse Häuser von uns abgeklappert. Es war super, weil sich alle ziemlich gefreut haben mich zu sehen. Man merkt doch wie lange ich schon in dieser „Gemeinschaft“ lebe.
Jetzt steht bald wieder ein neuer Lebensabschnitt an, und ein Rundbrief von einer anderen Freiwilligen deren Dienst jetzt auch zu Ende ging hat es ganz treffend beschrieben. Ein neuer Lebensabschnitt steht bevor, man kommt in ein anderes Land zurück, Freunde haben sich studierender Weise verteilt, die Schule ist endgültig vorbei, es wartet meine Ausbildung, und es gilt wieder Neuland zu erkunden.
Auf das wir uns dort gesund wieder sehen, bis ganz Bald, euer Benni.
Uebernachtung in Casa Angelo,...
Goivanni (Jesus Menino) im Schwimmbad,...
Leo freut sich auch ueber eine Erfrischung,...
Posen vor dem neu erworbenen Duplo aus Deutschland,...
Kleine Menschen,...
Unsere Tafelrunde (5 Italiner, 4 Deutsche, 2 Brasilianer),...
5 Kommentare:
interessanter blog!
gruss, roman
Noch 4 Wochen! Auch wenn ich weiß, dass der Abschied für dich nicht leicht sein wird - ich freue mich auf DICH!
Papa
Hallo Benni, jetzt wirst du ja philosophisch... Wir freuen uns alle auf dich ! Und auch wenn der Abschied schwer fällt, so überwiegen dann letztlich sicher die schönen Gedanken an eine tolle Zeit ! Genieß die letzten Tage!
Lieben Gruß
Biggi
Hallo, Benni,
ich bin Carl, dein stolzer Nachfolger.
Ich freu mich schon darauf, dich einmal kennen zulernen, nachdem ich mich durch deine ganzen Blogs gekämpft habe.
Ich komme, glaub ich, am 28. August, also in 11 Tagen an.
Ich wollte mich eigentlich nur mal melden... Hallo!
..wenn ich deinen Blog lesen wird mir streckenweise ganz schwer ums Herz..ich hoffe, dass du dich von deinen "Kindern" genau so verabschieden kannst wie du es dir vorstellst..! und dass du vielleicht doch in naher Zukunft das Glück und die Möglichkeit hast sie wieder zu besuchen! ..Ich freu mich sehr, dass du bald wieder ins verregnete Ingelheim kommst! Du fehlst hier! Lieben Gruß, Nicole
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